Fachartikel

(Außergerichtliche) Streitbeilegung und Streitentscheidung in der Verantwortung des Bausachverständigen

 

 

1. Prolog: Recht und Technik

Die letzten 15 Jahre meiner Zeit als Richter war ich ganz überwiegend mit Bausachen befasst, zunächst beim Oberlandesgericht in Düsseldorf, dann als Richter am Bundesgerichtshof im zuständigen VII. Zivilsenat. Buchstäblich unzählige Sachverständigengutachten sind in dieser Zeit über meinen Schreibtisch gewandert. Sie haben spätestens in der Summe zu der Erkenntnis beigetragen, dass die Entscheidung von Baurechtsstreitigkeiten zu den schwierigen Aufgaben eines Richters gehört. Denn dessen Arbeit findet in Bausachen mehr als anderswo auf der Grenze zwischen juristisch anspruchsvoller Rechtsanwendung und der Beurteilung oft sehr komplexer technischer und/oder ökonomischer Zusammenhänge statt. Die Aufgabe des Sachverständigen in diesem forensischen Balanceakt ist essentiell. Ohne ihn wird der Richter beispielsweise kaum je verlässlich darüber befinden können, ob ein Bauwerk mangelhaft, die geltend gemachte Vergütung üblich oder ob durch eine Bauablaufstörung eine Schaden entstanden ist. Hierfür fehlt ihm in aller Regel die Fachkenntnis, die er sich durch Hinzuziehung eines Sachverständigen verschaffen muss. Deshalb ist es nicht ganz falsch, wenn man zuweilen hört, Bauprozesse würden letztlich durch Sachverständige entschieden.

Und doch ist diese Sichtweise gefährlich. Sie verliert aus dem Blick, dass – um im obigen Beispiel zu bleiben – die Frage nach dem Vorliegen eines Mangels letztlich anhand der in § 633 Abs. 2 BGB niedergelegten rechtlichen Parameter beantwortet werden muss. Anders ausgedrückt: Ob eine Bauleistung mangelhaft ist, kann nicht anhand von objektiven, bautechnischen Kriterien entschieden werden. Maßgebend ist, welche Bauleistung der Unternehmer nach dem mit dem Besteller geschlossenen Vertrag schuldet. Vertragsgerecht – also mangelfrei - in diesem Sinne ist keineswegs notwendig das aus bautechnischer Sicht Übliche oder Vernünftige. In der Praxis ergibt vielmehr oft erst eine komplizierte Auslegung des Vertrages, welche Leistungen die Parteien zu welchem Preis vereinbart haben. Das zu klären ist eine rein juristische, im Übrigen recht anspruchsvolle Aufgabe, die von den Gerichten viel zu oft mit fehlgeleitet pauschalen Beweisfragen auf den Sachverständigen übertragen wird. Überhaupt spielt die Auslegung des Vertrages eine zentrale Rolle für die Entscheidung vieler Baurechtsstreitigkeiten, etwa wenn es um Nachträge oder die Folgen von Bauablaufstörungen geht. Sie darf, jedenfalls im gerichtlichen Erkenntnisverfahren, nicht dem Sachverständigen überlassen werden.

Das Spannungsfeld zwischen Recht und Technik tritt in der Gerichtspraxis an vielen Stellen zu Tage. Oft erkennt der gerichtlich beauftragte Sachverständige, dass der Mängelbeseitigungsaufwand hoch und der Nutzen für den Besteller eher gering ist. Dann führen rein wirtschaftliche Überlegungen schnell auf Irrwege. Immer wieder ist in Gutachten zu lesen, dass der Mängelbeseitigungsaufwand – insbesondere bei optischen Mängeln – sehr viel größer sei als der Nutzen für den Besteller, der sich deshalb mit einer Minderung von x Prozent begnügen solle. Das ist in zweierlei Hinsicht falsch. Erstens betrifft die Entscheidung darüber, ob der Unternehmer die Nacherfüllung wegen unverhältnismäßig hohem Aufwand nach § 635 Abs. 3 BGB (ggfls. nach § 275 Abs. 2 BGB) verweigern darf, eine Rechtsfrage, die das Gericht beantworten muss. Sie ist in der Praxis viel öfter zu verneinen, als Sachverständige gemeinhin annehmen. Es kommt nämlich – neben anderem – nicht nur darauf an, ob die Mangelbeseitigung wirtschaftlich sinnvoll ist; sie muss vielmehr außer Verhältnis zum Nutzen für den Besteller stehen, was deutlich höhere Hürden für das Verweigerungsrecht des Unternehmers bedeutet. Wenn – wie zumeist - die Voraussetzungen des § 635 Abs. 3 BGB nicht erfüllt sind, hat der Besteller einen Anspruch auf Mängelbeseitigung. Dementsprechend sind die Kosten vom danach gefragten Sachverständigen zu kalkulieren. Und zweitens ist es ebenfalls nicht Sache des Sachverständigen, einen eventuellen Minderungsbetrag zu ermitteln und festzulegen. Wie die Minderung zu bemessen ist, ergibt sich aus § 638 BGB. Sie entspricht nach der Rechtsprechung des BGH abweichend vom Wortlaut der Vorschrift in der Regel den Mängelbeseitigungskosten einschließlich der Aufwendungen für alle erforderlichen Begleitarbeiten, allerdings unter Berücksichtigung eines eventuellen Mitverschuldens des Bestellers. Nicht so indes, wenn die Nachbesserung tatsächlich einmal gemäß § 635 Abs. 3 BGB ausgeschlossen ist und der Besteller deshalb „nur“ Minderung (im Übrigen auch Schadensersatz!) beanspruchen kann. Dann ist der Minderungsbetrag zu schätzen (§§ 638 BGB, 287 Abs. 2 ZPO), wofür ggfls. merkantile und technische Minderwerte als Berechnungsgrößen heranzuziehen sind. Für die Ermittlung dieser Minderwerte kann das Gericht einen Sachverständigen hinzuziehen, nicht hingegen für die Bemessung des Minderungsbetrages selbst.

Anhand solcher Beispiele wird deutlich, welche Rolle das Zivilprozessrecht dem Sachverständigen zuweist. Er soll ausschließlich bei der Aufklärung und Feststellung von Tatsachen, die der Richter dann seiner rechtlichen Beurteilung des jeweiligen Streitfalles zugrunde zu legen hat. Diese Aufgabentrennung ist sinnvoll und notwendig, weil sie Fachwissen und Befugnis an den richtigen Stellen zusammenführt. Sie lässt sich zu dem Satz verdichten, dass der Sachverständige nicht dazu berufen ist, einen bauvertragsrechtlichen Streitfall zu entscheiden.

Diese Erkenntnis gilt im Ausgangspunkt auch für den Bereich außergerichtlicher Streitbeilegungs- und Streitentscheidungsverfahren. Immer dort, wo über vertragliche Ansprüche und Rechte bindend entschieden werden soll, bestehen Bedenken gegen die verantwortliche Befassung eines Sachverständigen mit der Entscheidungsfindung. Anders liegen die Dinge bei solchen Streitbeilegungsverfahren, die nicht auf eine bindende Entscheidung, sondern auf eine gütliche Einigung der Parteien abzielen. Dann kommt die (alleinige) Beauftragung eines Sachverständigen jedenfalls dort in Betracht, wo streitige Tatsachen und nicht deren rechtliche Einordnung im Vordergrund stehen.  

2. Verfahren zur außergerichtlichen Streitbeilegung

2.1 Überblick

Bauprozesse sind zeitaufwändig und schwerfällig. Weil sie zudem in aller Regel erst beginnen, wenn die Baumaßnahme abgeschlossen ist, liegen zwischen der Entstehung eines bauvertraglichen Streits und seiner gerichtlichen Bescheidung oft Jahre, bei größeren Prozessen über mehrere Instanzen nicht selten sogar eine Dekade und mehr. Solche Verfahren binden in erheblichem Umfang Zeit und – bei gewerblich tätigen Parteien – Personal; die dadurch bedingten Transaktionskosten sind enorm und rasch höher als der Ertrag aus einem (teilweise) erfolgreich geführten Bauprozess. Deshalb ist es verständlich und richtig, dass die Praxis andere Konfliktlösungsmethoden verfolgt, mit denen bauvertragliche Streitigkeiten schnell und kompetent beigelegt oder entschieden werden können. Diese Konfliktlösungsmethoden, die weit mehr als in Deutschland im englischen und anglo-amerikanischen Rechtsraum zum Einsatz gelangen, werden gemeinhin unter dem Begriff „Alternative Dispute Resolution“ oder kurz: „ADR“ zusammengefasst. Zu nennen sind:

> Mediation

> Schlichtung

> Adjudikation

> Schiedsgericht

> Schiedsgutachten

Die Grenzen zwischen diesen Formen außergerichtlicher Streitbeilegung bzw. Streitentscheidung sind fließend. Während Mediation und Schlichtung ohne eine bindende Entscheidung des Mediators/Schlichters auskommen und ganz auf die Herbeiführung einer gütlichen Einigung der Beteiligten setzen, ist die insbesondere in England erfolgreich praktizierte Adjudikation vorbehaltlich einer auch dort präferierten Einigung der Streitparteien i.d.R. auf eine rasche, jedenfalls vorläufig bindende Entscheidung des Adjudikators gerichtet. Mediation, Schlichtung und Adjudikation ist gemein, dass sie auch baubegleitend eingesetzt werden und so dabei helfen können, das Streitpotential gering zu halten und veritable Rechtsstreitigkeiten mit zementierten Rechtspositionen der Parteien gar nicht erst entstehen zu lassen.

Völlig anders konzipiert ist das klassische Schiedsgerichtsverfahren, das gewissermaßen an die Stelle des Erkenntnisverfahrens vor den staatlichen Gerichten tritt. Hierzu findet sich, soweit nationales Recht anwendbar ist, in den §§ 1025ff. ZPO ein detailliert ausgestalteter Regelungskanon, der allerdings Raum lässt für die rechtsgeschäftliche Vereinbarung anderer bzw. ergänzender Verfahrensregeln.

Von der eines Schiedsgerichts wiederum zu unterscheiden ist die Einholung eines Schiedsgutachtens. Die einem solchen Verfahren zugrunde liegende Schiedsgutachtenvereinbarung ist keine prozesshindernde Einrede gemäß § 1032 Abs. 1 ZPO. Die Wirkung der Schiedsgutachtenvereinbarung liegt vielmehr darin, dass das angerufene Gericht Tatsachen selbst nicht feststellen darf, die nach der Vereinbarung der Parteien von dem Schiedsgutachter verbindlich festgestellt werden sollen. Insoweit besteht also eine Bindung des Gerichts. Wird die Klage erhoben, ohne das vereinbarte Schiedsgutachten einzuholen, ist diese als zur Zeit unbegründet abzuweisen. Etwas anderes gilt dann, wenn sich die Parteien rügelos auf die Verhandlung zur Sache eingelassen haben.

2.2 Die Tätigkeit des Sachverständigen

Ohne auf die Besonderheiten der einzelnen Verfahrensarten an dieser Stelle näher eingehen zu können, lässt sich mit Rücksicht auf die Ausführungen unter 1. sagen, dass der Sachverständige jedenfalls kein Schiedsgerichtführen sollte, auch wenn das Gesetz ihm dies nicht verbietet. Denn abgesehen davon, dass die vom Schiedsgericht uU zu treffende Entscheidung aus den genannten Gründen in ihrem Kern juristischen Parametern unterliegt, setzt die im Wesentlichen dem Vorsitzenden obliegende rechtssichere Führung eines Schiedsgerichts profunde Kenntnisse des Verfahrensrechts voraus, über die ein Sachverständiger in aller Regel nicht in ausreichendem Maße verfügt. Demgegenüber kann es im Einzelfall sinnvoll sein, ihn als Beisitzer in einem Dreierschiedsgericht zu benennen, wenn die benennende Partei bautechnische bzw. baubetriebliche Expertise auf der Richterbank wünscht.

Weil die Schlichtung nicht auf eine bindende Entscheidung abzielt, kann sie von Sachverständigen durchgeführt werden, die über juristisches Grundwissen verfügen und im Übrigen mit den – im Vergleich zum Schiedsverfahren weitaus lockereren – Verfahrensregeln vertraut sind. Die Entscheidung darüber, ob die Schlichtung einem Juristen oder einem Sachverständigen übertragen wird, sollte maßgeblich davon abhängen, worüber die Parteien streiten. Geht es im Kern um die Klärung von streitigen Tatsachen oder die Ausgestaltung einer im rechtlichen Ausgangspunkt feststehenden Rechtsfolge (Beispiel: Die Höhe des dem Grunde nach feststehenden Bauverzögerungsschadens ist zu ermitteln), so kann es angezeigt sein, die Schlichtung einem mit entsprechendem Fachwissen ausgestattetem Baufachmann zu übertragen. Stehen Rechtsfragen im Vordergrund, ist der Jurist erste Wahl.

Für die Mediation ist die Abgrenzung zwischen Recht und Technik weitgehend ohne Belang. Sie setzt auf die Konsensfähigkeit der Parteien, die mit besonderen Kommunikationstechniken abseits fachlicher Kompetenz des Mediators gefördert werden soll. Deshalb ist die Durchführung einer Mediation strukturell in gleichem Maße speziell ausgebildeten Sachverständigen wie Juristen eröffnet.

Die Adjudikation auf eine rasche summarische und jedenfalls vorläufig bindende von Rechtsstreitigkeiten gerichtet. Sie ist beispielsweise in England gesetzlich vorgeschrieben und wird dort erfolgreich von sog. „Engineers“ wahrgenommen, die nicht notwendig über eine juristische Ausbildung verfügen. Ob sich dieses Modell für den deutschen Rechtsraum mit seinem extrem ausdifferenzierten materiellen Recht eignet, ist umstritten. Formal spricht nichts dagegen, die Durchführung einer vertraglich vereinbarten Adjudikation einem Sachverständigen zu übertragen. Allerdings sollte er die nach 1. erforderlichen juristischen Grundkenntnisse für die Beurteilung rechtlicher Zusammenhänge besitzen, was in erster Linie erfahrenen Projektmanagern und Projektsteuerern zugetraut werden kann.  Bei größeren Bauvorhaben bietet sich die Installierung eines baubegleitenden „Stand-by-Boards“ (Dispute Adjudikation Board– DAB) an, dass im Idealfall mit mindestens einem Juristen und einem Baufachmann (Sachverständigen) besetzt ist.

Das „klassische“ Betätigungsfeld des Sachverständigen im Rahmen der außergerichtlichen Streitbeilegung ist die Erstellung von Schiedsgutachten. Weil das Schiedsgutachten nicht den Streit der Parteien entscheiden, sondern diesem Streit zugrunde liegenden Vorfragen klären soll, geht es oft um die verbindlichen Feststellung von Tatsachen und damit um (bau-) technische und / oder baubetriebliche Zusammenhänge. Dementsprechend werden – anders als beim Schiedsgericht – zumeist Bausachverständige oder andere Fachleute mit der Erstattung solcher Schiedsgutachten beauftragt; eher selten sind es Juristen, die ein (Rechts-) gutachten erstatten sollen.

Indes: Häufig werden Schiedsgutachten auch zu Fragestellungen mit folgendem oder ähnlichem Inhalt vereinbart:

> Die Bestimmung der vertraglich geschuldeten Leistung.

> Die Feststellung und Bewertung von Mängeln/Schäden.

> Die Feststellung und Bewertung von Bauablaufstörungen

> Die Feststellung der Leistung als abnahmereif/ nicht abnahmereif.

Solche Gutachtenthemen sind – wenn sie derart allgemein formuliert werden - sehr gefährlich, weil ihre zweckentsprechende, verlässliche Bearbeitung aus den unter 1. dargelegten Gründen u.U. erhebliches juristisches Fachwissen erfordert. Die Parteien müssen sich also gut überlegen, ob sie die solchen Fragen innewohnende rechtliche Beurteilung ihrer Rechtsbeziehungen einem Nichtjuristen überlassen wollen. Liegt nämlich ein Schiedsgutachten vor, sind die darin vom Schiedsgutachter getroffenen Feststellungen einer Überprüfung durch die ordentlichen Gerichte weitgehend entzogen, §§ 317 ff. analog. Nur „offenbar unbillig“ getroffene Feststellungen sind gemäß § 319 Abs. 1 BGB analog unverbindlich und können durch Urteil eines staatlichen Gerichts korrigiert werden. Das betrifft zum einen schwerwiegende Verfahrensmängel bei dem Zustandekommen des Schiedsgutachtens (Befangenheit des Sachverständigen; Versagung rechtlichen Gehörs, keine Teilnahmerechte etc.), zum anderen schwerwiegende Begründungsmängel oder offenkundige Fehler des Schiedsgutachters. An das Vorliegen derartiger offenbarer Unrichtigkeiten sind allerdings strenge Anforderungen zu stellen.

 

Prof. Stefan Leupertz, Kleve/ Stuttgart

Schiedsrichter, Schlichter, Adjudikator, Richter am Bundesgerichtshof a. D.

Sie können den Beitrag hier online betrachten und herunterladen.