Baurecht über drei Generationen

Der Reiz des Baurechts

Die Wege in das Rechtsgebiet Baurecht sind vielfältig, manchmal verschlungen, wie einige Episoden unserer Serie „Baurecht Karriere“ zeigen. Und auch bei Rechtsanwalt Heinrich Deubner und Rechtsanwalt Christian Kirchberg verlief dieser Pfad nicht unbedingt geradeaus. Denn bei Gründung ihrer Kanzlei 1982 war das Baurecht nur eines von mehreren Rechtsgebieten. Heute beschäftigt Deubner & Kirchberg neun Berufsträger – alle mit baurechtlicher Spezialisierung. Wir sprachen mit Gründungspartner Heinrich Deubner, Jahrgang 1942 (seit Anfang 2020 im Ruhestand), seinem Nachfolger Marco Röder, Jahrgang 1973, und Neu-Partnerin Jennifer Essig, Jahrgang 1986, über gerade und verschlungene Pfade ins Baurecht und den Reiz dieses Rechtsgebiets, in dem Mandate sich schon mal über drei Generationen erstrecken können.

Herr Deubner, Herr Röder, Frau Essig, viele Wege führen ins Baurecht. Wie war das bei Ihnen?

Jennifer Essig: Um ehrlich zu sein, bei mir war es Zufall. Ich hatte im Studium und Referendariat immer eine Vorliebe für das Verwaltungsrecht, insbesondere auch das öffentliche Baurecht. Für meine Wahlstation im Referendariat habe ich dann explizit eine Kanzlei gesucht, die stark im Verwaltungsrecht tätig ist und kam so auf Deubner & Kirchberg. Da habe ich mich dann wohl auch nicht ganz so schlecht angestellt, denn recht bald nach meiner Anwaltszulassung bekam ich einen Anruf aus der Kanzlei. Das hat mich sehr gefreut – bis man mir dann eröffnete, dass ich auch privates Baurecht machen müsse. Meine Hoffnung zu dem Zeitpunkt war, dass das nur auf Zeit sei. Aber als ich dann in das private Baurecht eingetaucht bin und schnell Freude an der Vielfältigkeit der Materie gefunden hatte, wurde mir klar, dass ich meine Zukunft im privaten Bau- und Architektenrecht und nicht im Verwaltungsrecht sehe.

Marco Röder: Auch bei mir war es Zufall. Baurecht hatte ich weder im Studium noch im Referendariat auf dem Schirm. Ich wollte ins Gesellschaftsrecht, und so war meine erste Karrierestation in der M&A-Abteilung einer Großkanzlei. Aber da habe ich schnell gemerkt, dass das nicht so mein Ding war. Ich kam dann in eine kleine Wirtschaftskanzlei, in der man mir dann eröffnete, dass ich mich jetzt im Baurecht spezialisieren solle und alle Baurechtsfälle der Kanzlei übernehmen müsse. Das war dann erst mal ein Schock. Aber es hat dann sehr schnell sehr viel Spaß gemacht, und so bin ich nochmal gewechselt: In eine Baurechtskanzlei.

Heinrich Deubner: Man könnte sagen, dass nicht ich zum Baurecht, sondern das Baurecht zur mir gekommen ist. Als ich Ende der 1960er Jahre studierte und Anfang der 1970er Jahre das Referendariat absolvierte, gab es überhaupt kein Baurecht, wie wir das heute mit der vielfältigen Literatur und Rechtsprechung kennen. Entsprechend gab es auch noch nicht die Spezialisierung in der Anwaltschaft. Als ich als junger Anwalt in die schon damals sehr angesehene Karlsruher Kanzlei Nonnenmacher Zobel Martin eintrat, gab es entsprechend dort auch keine baurechtliche Abteilungen. Vielmehr hatte jeder der Partner seine eigenen Mandate, darunter waren dann auch regionale und überregionale Bauträger und Bauunternehmen, die jeweils von den einzelnen Partnern betreut wurden. Mir wurde als jungem Anwalt dann von mehreren Partnern die damals von den Partnern als etwas unangenehmem empfundenen kleinteiligen baurechtlichen Mandate übertragen. So kam es, dass ich recht bald viele baurechtlichen Mandate hatte und mir dadurch einen gewissen Ruf erwerben konnte. Bald kamen dann auch die Mandanten direkt zu mir und so hatte ich meinen ersten "Mandantenstamm", der eben zu großen Teilen aus Bauunternehmen und Bauträgern bestanden hatte.

 

Herr Deubner, wollten Sie diese Spezialisierung auf das Baurecht bei Gründung der eigenen Kanzlei von Anfang an weiter verfolgen?

Heinrich Deubner: Das kann man so nicht sagen, die Spezialisierung musste sich erst entwickeln. Als ich mich Anfang der 1980er Jahre mit Christian Kirchberg selbstständig gemacht habe, hatte ich - wie gesagt - einen Mandantenstamm, der unter anderem aus Bauträgern und Bauunternehmern bestand. Dazu kamen viele Mandate im Arbeitsrecht. Christian Kirchberg hatte Mandate im öffentlichen Baurecht und im Verwaltungsrecht, speziell auch im Recht des öffentlichen Dienstes. Unsere Idee einer gemeinsamem Kanzlei war schon, dass wir uns in unseren Kompetenzen ergänzen und den potentiellen Mandanten eine Beratung aus einer Hand anbieten können. Mit den Jahren hat sich dann bei mir die Tätigkeit auf das private Baurecht zugespitzt. Das war wie eine Wechselwirkung: Die vertiefte Befassung mit dem Baurecht ist ja nicht unbemerkt geblieben, zumal das Anfang der 1980er Jahre noch nicht so viele Kolleginnen und Kollegen in dieser Form betrieben haben. So kam es dann, dass über ständige Empfehlungen der Mandantenstamm im Baurecht wuchs. Die fortschreitende Spezialisierung hat dann ebenfalls dazu geführt, dass unsere Expertise im Baurecht gefragt war und das Baurecht stetig einen immer größeren Anteil unserer Tätigkeit ausgemacht hat.

 

Herr Röder, irgendwann kamen Sie ins Spiel, etwas später auch Sie, Frau Essig. Wie haben Sie Ihre Einstiege in die Kanzlei erlebt?

Marco Röder: Als ich dazu kam, war die Spezialisierung der Kanzlei ja bereits fortgeschritten. Mein Einstieg fiel mir auch darum leicht, da ich nach meinem Wechsel in eine Baurechtskanzlei 2004 nur noch mit Baurechtsfällen zu tun hatte. Und dann kam ich hier in eine entsprechende Struktur mit zwei erfahrenen Baurechtlern, konnte sehr von deren Erfahrungsschatz profitieren und mir recht schnell das notwendige Spezialwissen aneignen.

Jennifer Essig: Das habe ich ähnlich erlebt, nur in einem anderen Jahrzehnt (lacht). Im Ernst: Es war schon eine Herausforderung für mich als Berufsanfängerin, mich in die sehr technisch geprägten Sachverhalte einzuarbeiten. Aber mit jedem Gutachten, das ich in die Hand bekam, jedem Ortstermin, den ich wahrnehmen konnte, in jedem Gespräch mit Sachverständigen, Ingenieuren oder Architekten lernte ich dazu. Und wenn man das ständig macht, stellt sich auch bald der Wiedererkennungseffekt ein.

Marco Röder: Das ist einer der Gründe, warum mir das Baurecht so viel Spaß macht. Man hat ständig mit anderen Disziplinen zu tun und darf sich mit interessanten technischen Aspekten befassen, man muss es tun, da man sonst gar nicht versteht, worum es geht. Und es ist doch gerade unsere Aufgabe, einen Sachverhalt juristisch zu bewerten. Das können wir nur dann tun, wenn wir auch wissen, worum es geht.

Jennifer Essig: Um die Dinge zu verstehen, geht man bei uns im Baurecht auch mal den direkten Weg. So habe ich z. B. schon einmal drei Tage im Februar bei klirrender Kälte auf einer Baustelle verbracht, um mir die problemträchtigen Abläufe selbst anzusehen und erklären zu lassen.

 

Eine „berühmt-berüchtigte“ Besonderheit des Baurecht ist ist die überlange Verahrensdauer der Mandate. Hat Sie das nie gestört?

Heinrich Deubner: Und ob die mich gestört hat. Aber das Interesse und die Faszination für die technischen und baubetrieblichen Sachverhalte war stets größer als der Störfaktor

Marco Röder: Das gehört dazu. Natürlich ist es nicht schön, wenn sich ein Verfahren über mehrere Jahre hinzieht. Mein ältestes Verfahren ist aus 2006, das hat der Kollege Deubner begonnen und ich muss es jetzt zu Ende bringen, und es sieht momentan nicht danach aus, dass wir es in diesem Jahrzehnt schaffen ...

Jennifer Essig: (lacht) ... weshalb ich mich schon vorsorglich eingearbeitet habe!

 

Wir hoffen, dass das doch wohl ein Scherz ist… oder?

Marco Röder: Leider nein. Da die Parteien völlig zerstritten sind, werden sie sich nicht vergleichen. So unglaublich es klingen mag, realistisch betrachtet werden wir nicht vor 2030 fertig. Aber das ist - Gott sei Dank - die Ausnahme.

Jennifer Essig: Ja. Und manchmal geht es dafür sehr schnell. In einem aktuellen Baurechtsfall - es ging um Baubürgschaften - ging es in drei Jahren über drei Instanzen vom LG zum OLG zum BGH und wieder zurück zum OLG - und das trotz Corona! Das war also sehr schnell.

 

Die Faszination für das Baurecht hält bei Ihnen seit drei Generationen an. Wie sieht es denn mit der nächsten Generation aus? Herrscht bei Ihnen Fachkräftemangel?

Marco Röder: Es ist in der Tat nicht einfach, gute junge Leute ins Baurecht zu holen. Man sieht es ja an unseren Biografien: Das Baurecht liegt nicht unbedingt im Fokus. Junge Referendare werden bei Gericht von dicken Baurechtsakten und Normen, von denen sie noch nie gehört habe, wie HOAI, VOB/B, MaBV erstmal abgeschreckt. Und dann muss man auch ehrlich konstatieren, dass sich in anderen Rechtsgebieten - Stichwort: M&A - auch mehr verdienen lässt.

Jennifer Essig: Wir versuchen, Referendare auf den Geschmack zu bringen. Aber das klappt auch nur bedingt, wie man ja auch bei mir sieht. Bei mir hat es erst im zweiten Anlauf gezündet. Ich denke, der Charme des Baurechts muss „wirken“. In vier Monaten Anwaltsstation als Referendar erhascht man nur einen Ausschnitt aus dem Mosaik.

Heinrich Deubner: Das war auch schon zu meiner Zeit nicht anders. Wir hatten immer mehrere Bewerbungsrunden, wenn wir einen jungen Kollegen für das private Baurecht gewinnen wollten. Da ging es meinem Partner Christian Kirchberg mit dem Nachwuchs im Verwaltungsrecht etwas besser. Allerdings sind die Kolleginnen und Kollegen, die bei uns im Baurecht angefangen haben, dabei geblieben. Neulich habe ich bei einem Spaziergang in Berlin zufällig unseren ersten - damaligen - "Junganwalt" getroffen, den wir in den 1980ern eingestellt hatten, den es aber nach einigen Jahren zurück nach Berlin gezogen hat. Er betreibt heute seine Baurechtspraxis in Berlin.

 

Das Baurecht halt also seine Ecken und Kanten. Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen diesem Rechtsgebiet zuwenden?

Marco Röder: Ich glaube, dass es für das Baurecht schon eine gewisse Affinität oder zumindest eine Neugier für technische Zusammenhänge braucht, die man erst entdeckt, wenn man sich damit befasst. Dabei zu sein, wenn zum Beispiel Stadtplanung entsteht und umgesetzt wird, das ist doch etwas ganz Wunderbares.

Jennifer Essig: Ich denke auch, dass man Freude an technischen Sachverhalten haben sollte, die sich aber auch durchaus über eine gewisse Zeit noch entwickeln kann. Die "Baurechtsfamilie" ist aber untereinander inzwischen sehr gut vernetzt, was auch gerade für junge Kolleginnen und Kollegen tolle Chancen bietet. Ich habe mich wahrscheinlich auch deshalb so gut eingefunden, weil ich mich eigentlich seit Beginn meiner „baurechtlichen Karriere“ mitengagiert habe, jungen Kolleginnen und Kollegen diese Freude am Baurecht zu vermitteln. Eine tolle Plattform hierfür sind die zwei Mal im Jahr stattfindenden Veranstaltungen der ARGE Baurecht. Das sage ich jetzt natürlich nicht ganz uneigennützig, da ich Mitglied im Ausschuss junger Baurechtler dort bin und die Gelegenheit gerne ergreife, um auch für unsere Grundlagenveranstaltung, die im Rahmen der Tagungen stattfinden, Werbung zu machen. Als jeweiliger Auftakt der Tagung sollen junge Kolleginnen und Kollegen „abgeholt“ werde und im kleineren Rahmen unter Gleichgesinnten, die Themen diskutierten, die den Baurechts-Einsteiger beschäftigen.

Heinrich Deubner: Wer als junge Juristin oder junger Jurist Freude an seiner gebauten Umgebung im weitesten Sinne hat und Interesse und Neugier dafür mitbringt, wie diese Umgebung entsteht und wer gerne in Teamwork mit Kolleginnen und Kollegen und ExpertInnen aus anderen Fachgebieten Lösungen erarbeitet, für den bietet das Baurecht eine Fülle von spannenden Aufgaben.

 

Herr Deubner, Herr Röder, Frau Essig, wir danken für das Gespräch!

Rechtsanwalt Heinrich Deubner

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    Rechtsanwalt Marco Röder

    • Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht
    Mitglied in der ARGE Baurecht seit 2009
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    Rechtsanwältin Jennifer Essig

    • Fachanwältin für Bau- und Architektenrecht
    • Mitglied der ARGE Baurecht seit 2015
    Mitglied der Arbeitsgruppe junge Baurechtler
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