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„Software wird übernehmen, was Software übernehmen kann!“

Als der Deutsche Anwaltverein im Jahr 2013 seine Studie zum »Anwaltsmarkt 2030« veröffentlichte, wirkten deren Ergebnisse für viele noch wie abstrakte Visionen einer fernen Zukunft. Vier Jahre später sind die dort angekündigten neuen Technologien, Internet-Anbieter und virtuellen Geschäftsmodelle aber bereits Realität und auf dem Weg, den Rechtsmarkt massiv zu verändern. Franz Kummer ist Lehrbeauftragter für Informatik und Recht der Universität Bern und engagiert sich für Forschung und Bildung. Wir haben mit ihm über die Entwicklungen von Legal Tech gesprochen, die Perspektive der Schweiz und die Möglichkeiten für kleine Kanzleien, sich für den Wandel zu wappnen.

Herr Kummer, die einen glauben an Anwalt-Roboter, die anderen erwarten kaum Veränderungen des Marktes durch Legal Tech. Was glauben Sie?

Dazu fällt mir direkt ein Beispiel ein: Studenten haben einen Bot, also eine künstliche Intelligenz, mit definierten Deliktkategorien programmiert. Über eine Website können Nutzer dann mittels einer Schnittstelle mit dem Bot kommunizieren, ihm den Sachverhalt erklären und erhalten anschließend eine Einschätzung, ob der Sachverhalt strafbar ist oder nicht. Das Modell haben diese Studenten jetzt weiterentwickelt: Es schlägt jetzt Kanzleien zum jeweiligen Sachverhalt vor und berechnet, wie hoch die Chancen stehen vor Gericht zu gewinnen. Die Genauigkeit der Vorhersage soll bei 71% liegen. Ob das der Weg der Zukunft ist, daran zweifle ich noch ein wenig. Auch was die Verbreitung von Anwalt-Robotern angeht, so braucht es doch besonders in Bereichen, wo es um Persönliches und Ermessensspielräume geht, menschliches Urteilsvermögen und Komplexität.

In den USA ist Legal Tech weit verbreitet, Deutschland hinkt Jahre hinterher. Wie ist die Situation in der Schweiz?

Die Marktsituation der Schweiz ist eine ganz andere als in den USA oder in Deutschland. Zum einen hat die Schweiz mit acht Millionen Einwohnern nur ein Zehntel so viele Bürger wie Deutschland. Außerdem sprechen diese acht Millionen drei unterschiedliche Sprachen. Das erschwert die Investitionen im Bereich Legal Tech sehr. Sowohl Sprache wie Kommunikation sind im Rechtsbereich entscheidend. Der Verbraucherschutz ist in Deutschland beispielsweise viel ausgeprägter und strukturierter als in der Schweiz, nicht zuletzt durch die EU-Regulierungen.

Wie wirkt sich Legal Tech auf Markt, Branche und Kanzleistrukturen aus? Welche Veränderungen sind bereits eingetreten? Welche sind noch zu erwarten?

Die Kundenakquise verändert sich, gerade bei kleinen Mandaten. Hier gibt es entweder die Option, dass die Kanzleien beides selber machen, Ansprache und Beratung, oder dass die Ansprache Anbieter übernehmen. Immer mehr Firmen haben das als Nische entdeckt, und die Kanzleien treten erst danach in Kundenkontakt. Solche Vermittlungsdienste zwischen Kanzlei und Mandanten gibt es in der Schweiz und in Deutschland bereits.

Welche Bereiche und Arbeitsabläufe sind besonders betroffen bzw. verändern sich besonders stark?

Ein klassisches Beispiel sind Vorlagen. Diese können digital und mit vordefinierten Prozessen angelegt werden. Der Anwalt selbst muss dann nur noch die fallspezifische Ausarbeitung vornehmen. Das ist dann auch die Leistung, die der Klient bezahlt. Der ganze Verwaltungsprozess ist dem Kunden dagegen weniger wert, daher sollte er so kostengünstig wie möglich gestaltet werden. Die Arbeit des Rechtsanwalts beschränkt sich also zukünftig stärker auf seine juristische Kernkompetenz.

In welchen Zeiträumen müssen wir denken? Wo sehen Sie die Branche in fünf Jahren, wo in zehn oder 20 Jahren?

Eine klare Prognose zu treffen, wann und was genau sich verändern wird, ist schwierig. Momentan wird in viele Richtungen entwickelt. Es entstehen viele kleine Lösungen für ein spezielles Rechtsgebiet oder konkrete juristische Aufgabenstellungen, aber ein Zusammenschluss der verschiedenen Ansätze zeichnet sich noch nicht ab. Das wird noch fünf bis sechs Jahre dauern. Wenn dieser universelle Ansatz kommt, der rechtsgebiet- und proplemübergreifend die Branche verändert, dann wird es sicher wieder interessant. Aber ob wir das in zehn oder 20 Jahren schaffen, das kann ich nicht klar prognostizieren.

Was sind die Vor- und Nachteile von Legal Tech?

Das lässt sich gar nicht so klar voneinander trennen: Durch Automatisierung und Standardisierung fallen viele Arbeiten weg, die das juristische Fachpersonal bislang übernommen hat. Es erschließen sich gleichzeitig aber auch viele neue Geschäftsfelder, die durch die freigewordenen Ressourcen gedeckt werden können. Es verliert nur derjenige, der sich weigert sich umzuorientieren und die neuen Schritte mitzugehen. Automatisierung macht die Prozesse natürlich immer etwas unpersönlicher für den Klienten, er profitiert aber deutlich mehr, da Kanzleien die Fälle schneller und effizienter bearbeiten.

Wie sehen Sie das Thema Legal Tech im Zusammenhang mit dem Bau- oder Immobilienrecht?

Das Baurecht bietet eine herrliche Mischung aus Datenverarbeitung und menschlichem Ermessenspielraum. Was also Vertragsgestaltung und Datenauswertung angeht, wird Software übernehmen, was Software übernehmen kann. Gleichzeitig braucht es aber auch fallabhängige Einschätzungen und Interpretationen von Sachverhalten durch spezialisierte Juristen. Baurechtler müssen sich also zusätzlich zur fachlichen auch diese digitale Kompetenz aneignen, um Fälle effizient und wettbewerbsfähig zu bearbeiten.

Diese Umstrukturierung sollte große Kanzleien nicht vor Probleme stellen. Was raten Sie kleinen und mittelständischen Kanzleien? Wie sollten sie mit Legal Tech umgehen? Wie sollten sie sich künftig aufstellen?

Die Positionierung ist entscheidend. Kleine Kanzleien haben den Vorteil ihrer Geschwindigkeit. Man kann Dinge schneller entscheiden, evaluieren und ausprobieren. Besonders für kleine Kanzleien wird digitale, aber auch unternehmerische Kompetenz zukünftig entscheidend sein. Man spricht despektierlich gerne vom Feld-, Wald- und Wiesenanwalt. Dieser muss zukünftig besonders prüfen, was er leisten kann und was nicht. Wo bieten sich Kooperationen an? Ist eventuell ein Verbund sinnvoll? Sie müssen nicht alles selber machen, prüfen Sie ihr Netzwerk und Outsourcing-Angebote.

Herr Kummer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!